Karl·Ruhne
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DEUTSCH · Probekapitel lesen

Ratschläge für einen schlechten Autor

Ein Autor beschließt, sein erstes großes Buch zu schreiben. Er beginnt – aus Gründen, die sich ihm selbst nur teilweise erschließen – gleich mit einer Trilogie über die Unterirdischen Modelle des besseren Lebens. Was folgt, ist zunächst komisch. Dann unbequem. Und am Ende ernster, als ihm lieb sein kann. Ulrich Maria Seidenglanz schreibt mit der Entschlossenheit eines Mannes, der nicht daran zweifelt, dass die Welt auf ihn gewartet hat. Er erklärt, überhöht, wiederholt sich – und hält jede Korrektur für einen Angriff auf die Substanz seines Denkens. Sein Werk wächst. Nicht unbedingt in die richtige Richtung. Um sich selbst in der Spur zu halten, notiert er, was ein Autor auf dem Weg zu seinem Buch alles falsch machen kann. Neben ihm: Dr. Amadeus Silberstift, Lektor aus altem Holz, ein Mann, der mehr Bücher verhindert hat, als Bestsellerautoren veröffentlichen konnten. Er liest, streicht, schweigt – und bleibt auch dann noch, wenn andere das Manuskript längst aus der Hand gelegt hätten. Und dann ist da Anna Löwenwein – jung, klug und mit einer irritierenden Ruhe im Umgang mit großen Behauptungen. Sie liest, bevor ein Text sich schützen kann. Zwischen Garage, Absagen, wachsender Produktion und der stillen Präsenz einer Maschine, die schneller antwortet als ihr Autor denkt, entsteht ein Buch über das Schreiben – und über die Selbsttäuschungen, ohne die viele Bücher niemals begonnen werden. Über Sätze, die beeindrucken, aber nichts tragen, über Ideen, die größer sind als ihr Autor, und über den Moment, in dem man aufhört zu schreiben und beginnt, nur noch Material zu erzeugen. Ratschläge für einen schlechten Autor ist kein Ratgeber. Es ist das Protokoll eines Mannes, der ein Werk schaffen will – und dabei nur langsam begreift, was Schreiben ihn kosten darf.

Autoren Ulrich Maria Seidenglanz Autor, Visionär. Arbeitet neben anderen Werken kreativ an seiner Trilogie über die Unterirdischen Modelle des besseren Lebens. Glaubt an die Notwendigkeit seiner Werke – und an seine eigene. Hat bisher vor allem eines bewiesen: Ausdauer. Privat lebte Seidenglanz lange asketisch inmitten von Kartons unverkauften Büchern in seiner High-Tech- Garage als Ort seiner täglichen Inspiration. Dr. Amadeus Silberstift Cheflektor bei Lethe & Söhne. Präzise, unbestechlich, klar, mit einer Zunge schärfer als Pepper X. Kürzt Texte nicht, um sie zu verbessern, sondern um zu prüfen, ob etwas übrig bleibt. Anna Löwenwein Jung-Lektorin bei dem aufstrebenden Verlag Goldenstein & Töchter. Die Marilyn Monroe der Verlagsbranche – und klüger, als ihr gut tut. Spezialgebiet: Literatur der Romantik. Begegnet Autoren mit Ernst, bevor sie lernt, sich zu schützen. Karl Ruhne Beobachter, Herausgeber, gelegentlich Beteiligter. Viele Jahre klinisch an Universitätskliniken tätig. Projektmanager, Lange Zeit Schiffsarzt auf den Weltmeeren. Er behauptet, dieses Buch nicht geschrieben zu haben. KI Hilft. Beschleunigt. Versteht erstaunlich viel. Und ersetzt nichts. Sie könnte zwar alles richtig machen, und genau darin liegt der Fehler. Hat die Größe besessen und tatsächlich geschrieben: „Machs selbst“. Ist das schon Seele? .

Die Vorrede: Das Portal zur Unvermeidbarkeit „Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so: "Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz …" Es gibt Texte, die wie eine unverschuldete Karambolage in das Leben eines Autors krachen. In meinem Fall war es ein schmales Bändchen von Kurt Tucholsky, dessen Ratschläge für einen schlechten Leser (1930, rororo 1989) mir die Gewissheit gaben, dass die Literaturgeschichte bisher möglicherweise die falschen Opfer beklagt hat. Nicht der Leser ist in Gefahr. Es ist der Schreiber, der im Dickicht seiner eigenen Ambitionen verhungert. Oder sich zumindest darin verliert. Ob daraus als Überwert ein Buch werden musste, ist eine andere Frage. In der Garage des Ulrich Maria Seidenglanz, diesem provisorischen Hauptquartier eines Mannes mit sehr großen Absichten, ist die Ordnung längst einer anderen Logik gewichen. Manuskripte wachsen dort schneller als Einsichten. Begriffe stehen unter Strom. Das Licht brennt oft länger als der Verstand. Man gewöhnt sich daran. Man wird dem Verfasser Hochmut vorwerfen. Nicht zu Unrecht. Aber Hochmut ist in der Literatur ein verbreitetes Anfangsleiden und noch kein endgültiger Charakterfehler. Schwerer wiegt etwas anderes: die stille Bereitschaft, sich selbst beim Schreiben nicht ernst genug zu nehmen. Dieses Buch handelt von beidem. Dr. Amadeus Silberstift, Nachbar von Seidenglanz (ehemaliger Cheflektor von Lethe & Söhne), unerbittlich, geduldig und mit jener altmodischen Loyalität ausgestattet, die gute Lektoren von bloßen Korrekturinstanzen unterscheidet, hat mehr als einmal versucht, die Auswüchse dieser Einfälle mit dem Skalpell der Vernunft zu begrenzen. Nicht immer mit Erfolg. Manchmal war es auch nur Übertreibung. Hinter diesem Portal wartet nicht die Perfektion, sondern etwas, das sich ihr entzieht: vielleicht Wahrhaftigkeit, Hartnäckigkeit, oder auch nur die genaue Beschreibung einer Verirrung. Wir haben begriffen – oder glauben es zumindest –, dass die eigentliche Meisterschaft dort beginnt, wo man aufhört, sie beweisen zu wollen. Lesen Sie also nicht in der Erwartung einer Anleitung. Eher in der Hoffnung auf eine brauchbare Unruhe. Sie werden in den folgenden Seiten etwas wieder erkennen: einen Satz, der größer sein will als sein Gedanke; ein Manuskript, das sich schützt; die komische Energie eines Menschen, der ein Werk schaffen will und dabei lange nicht merkt, was ihn daran hindert. Das Licht in der Garage brennt noch. Treten Sie ein.

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PS: Dieses Buch verdankt seine Existenz einer Reihe von Aufzeichnungen, die ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Ein Autor hat darin mit bemerkenswerter Konsequenz zunächst fast alles falsch gemacht. Ein Lektor ist lange genug geblieben, um das festzustellen. Der Rest ist Überarbeitung.

Beilage zum vorliegenden Werk. Nicht angefordert. GEBRAUCHSINFORMATION: BITTE AUFMERKSAM LESEN! Literaricum Seidenglanz® 500 mg Wirkstoff: Satiricum-Extrakt (hochkonzentriert) Darreichungsform Ca. 160 Seiten, gebunden. Aufgeteilt in 15 Einheiten. Auch pulverisiert erhältlich. Wirkungsweise Wirkt auf das ästhetische Zentrum im Cortex. Legt frei, was vorhanden ist. Nicht immer angenehm. Anwendungsgebiete – Unsicherheit bei der Beurteilung von Literatur – Überdruss an Bedeutung ohne Substanz – Verdacht auf übermäßigen Adjektivgebrauch – Präventiv gegen „viel Text = viel Inhalt“ Dosierung Erwachsene: täglich 3–5 Seiten. Ältere Leser (über 70): täglich 2 Seiten. Art der Anwendung Lesen Sie langsam und vor allem laut (schließlich sollen andere auch etwas davon haben) Nicht auf vollem Magen lesen Dauer der Anwendung Bei längerer Lesedauer (länger als 1 Woche) sollte jeden Tag nur eine halbe Seite gelesen werden bis das Buch aufgebraucht ist. Kontrolle von Blutbild und Leberwerten ist nach vollständigem Lesen des Buches zu empfehlen. Es wird allerdings dringend empfohlen, die im Anhang aufgeführten Werke der Likteraturliste zu lesen, fangen Sie an mit: King, S. (2011). Das Leben und das Schreiben. Der muß es ja wissen. Überdosierung: wenn Sie zu viele Seiten auf einmal gelesen haben, können sie folgende Beschwerden entwickeln: Verwirrtheit, Schlafstörungen, Erregungszustände, unstillbarer Schreibdrang oder in seltenen Fällen akute Schreibblockaden. Plötzliche Klarheit von Gedanken (leider meist reversibel). Vorsicht vor dem parallelen Lesen von sedierenden Büchern. Wenn Sie das Lesen der täglichen Seitenzahl vergessen haben: Lesen Sie am nächsten Tag nicht doppelt so viele Seiten dieses Buches, lesen Sie die verordnete übliche Seitenzahl. Gegenanzeigen – Ironie-Resistenz – ausgeprägte Selbstzufriedenheit – akuter Wunsch, verstanden zu werden Nebenwirkungen Häufig: kurze Lachanfälle, anfallweises Kopfschütteln, auch Wutanfälle (Einzelfälle) Gelegentlich: Verständnis, Empathiesensationen, Mundtrockenheit. Selten: Kürzen eigener e-Mails und Briefe, Scheibzwang. Entsorgen der Hälfte Ihres Bücherbestandes Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen - Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker vor dem Lesen dieses Buches, wenn Sie an Buchallergie leiden. - Vorsicht bei Kauf aller Arten von sog. Ratgeberliteratur - Kann das Leseverhalten dauerhaft verändern. Bestimmte Texte wirken danach anders. - Bekanntes sog. Long-QT-Syndrom - mehrfaches Lesen dieses Buch kann zu psychischer Abhängigkeit führen Kinder und Jugendliche Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sollten dieses Buch nicht lesen. Überdosierung - Akute Überdosierung (Lesen des gesamten Buch auf einmal oder größerer Teile): akuter Notfall. Absetzen des Buches, sofortiges sicheres Verwahren oder besser Entsorgen. - Strenges Verbot, auch nur das Cover des Buches anzuschauen (man sieht seine Garage danach mit anderen Augen und vergißt sie oft zu schließen. - psychiatrische Erkrankungen: Unruhe, Halluzinationen, Nervosität - Kann zu irreversiblen Zynismus führen bis zur Atemlähmung. Gegenmittel: - Lesen Sie sofort einige Seiten der Bibel, Altes Testament, Gilgamesch-Epos oder ein gutes Kochbuch. Verkehrstüchtigkeit und Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen. - Vorsicht: Dieses Buch kann die Reaktionsfähigkeit und Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen. - Lesen Sie es nicht während der Fahrt in einem Verkehrsmittel. Aufbewahrung - Trocken lagern. Nur neben gute Bücher (siehe auch unser Namensregister der Weltliteratur im Anhang) stellen. - Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie auch Ihre innere Kritikerin oder Ihren inneren Kritiker, oder das generische Neutrum in Ihnen. Meldung von Nebenwirkungen - Wenn Sie Nebenwirkungen bemerken, wenden Sie sich bitte umgehend an Ihre Ärztin, Ihren Arzt, Ihre Apothekerin oder Apotheker oder an medizinisches weibliches oder männliches Fachpersonal oder das zuständige generische Neutrum. - Kommen sie am besten gleich als akuter Notfall in die nächstgelegene Universitätsklinik, die Spezialabteilungen für solche Fälle haben. - Nebenwirkungen können Sie auch direkt über das nationale Meldesystem anzeigen. Damit tragen sie dazu bei, dass mehr Informationen über die Sicherheit beim Lesen dieses Buches zur Verfügung gestellt werden. - Beachten Sie die Allgemeinen Richtlinien über Reanimation bei Herz- und Kreislaufstillstand Die Gebrauchsinformation wurde zuletzt überarbeitet: 14. Mai 2026, 02:25

I. Die Genesis des Unheils: Die Berufung

1. Das Erbe der Pubertät und der Ruf der Musen

(Warum alte Liebeslyrik die gefährlichste Einstiegsdroge der Welt ist.) Warte nicht auf den Weltgeist, er hat Besseres zu tun. Deine wahre Legitimation als Autor liegt tief vergraben in jener staubigen Schuhschachtel unter deinem Bett oder in Kartons im muffigen Keller, in der die lyrischen Ergüsse deines vierzehnten Lebensjahres vor sich hin trauern. Wer einmal im Hormonstau des Konfirmandenunterrichts „Herz“ auf „Schmerz“ gereimt hat, trägt das Kainsmal des Dichters auf der Stirn. Dass Sie damals nicht veröffentlicht wurden, war kein Mangel an Talent, sondern ein Akt der Notwehr der Erwachsenenwelt gegen die ungeschützte Rohheit deines Empfindens und eine Verschwörung gegen die Reinheit deines Gefühls. Erklären Sie dieses pubertäre Stammeln rückwirkend zur „Phase des ungefilterten Primitivismus“. Sie kehren lediglich zu den Quellen früher, ungestörter Meisterschaft zurück. Die Strategien der musealen Selbsttäuschung: 1. Die sakrale Wiederentdeckung: Ihre Vorbilder waren – kaum konnten Sie lesen – die Frühreifen wie Sie: Puschkin, Flaubert und Hofmannsthal. Holen Sie endlich ihre alten Hefte hervor. Lesen Sie Ihre Zeilen über die „Einsamkeit des Mondes“ und die „Ungerechtigkeit der Mathearbeit“. Atmen Sie den Staub ein und nennen Sie es „Inspiration“. 2. Die Theorie der Konstanz: Überzeugen Sie sich selbst davon, dass Sie sich seit dem fünfzehnten Lebensjahr intellektuell nicht verändert haben – und verkaufen Sie dies als „Beständigkeit der künstlerischen Vision“. 3. Der Ruf der Musen: Interpretieren Sie jedes Pfeifen im Ohr und jedes Ziehen im Knie als einen direkten Anruf vom Parnass. Wenn die Welt schweigt, ist das nur das ehrfürchtige Luftholen vor Ihrem ersten Wort. Bissige Beispiele für den Ruf der Musen: • Das lyrische Delirium: „Ich fand mein altes Tagebuch von 1995. Dort stand: ‚O Nacht, du schwarzer Hund, beiß mich in den Seelenmund.‘ In diesem Moment wusste ich: Die Welt wartet. Diese Zeilen sind zu wertvoll für den Altpapiercontainer. Sie sind der Humus, auf dem meine Trilogie über die totale Finsternis gedeihen wird.“ • Der Erweckungsmoment: „Plötzlich überkam es mich beim Betrachten einer halb leeren Kaffeetasse. Ein Schauer, eine Vibration, eine kosmische Gewissheit: Ich muss schreiben! Nicht weil ich etwas zu sagen habe, sondern weil ich die Tastatur so rhythmisch bedienen kann. Ich rief sofort meine Ex-Frau an, um ihr mitzuteilen, dass ich nun ‚Medium des Unaussprechlichen‘ sei. Sie legte auf – ein klarer Beweis dafür, dass Propheten im eigenen Land nichts gelten.“ • Das Fazit des Berufenen: „Wer als Teenager ungestraft ‚Weltschmerz‘ buchstabieren konnte, ohne rot zu werden, dem gehört das Himmelreich der Literatur. Man muss die Peinlichkeit von damals nur mit dem Hochmut von heute kreuzen – und schon hat man ein Manuskript.“ Der Ulrich-Moment (vorausblickend auf 1.2): die alte Schuhschachtel Seidenglanz hat die Schuhschachtel bereits auf den Tisch geknallt. „... meine Gedichte! ‚Der Mond ist ein einsamer Keks,‘ von 1985... das ist kein Kitsch, das ist ‚ungefilterter Primitivismus‘! Ich spüre, wie der Weltgeist gerade an die Kellertür klopft. Ich will, ich werde schaffen, was Millionen berührt. Meine Bücher im Keller! Keller? Niemals. Ans Licht mit ihnen.“ _________ Wer den inneren Ruf der Muse vernommen hat, benötigt sogleich das passende Bühnenbild für sein künftiges Martyrium. Denn kein Genie kann in der Leere existieren; es braucht die physische Schwere gedruckter Autorität, um das eigene Schweigen als tiefe Reflexion zu tarnen. Wir verlassen die Schuhschachtel und betreten das Arsenal der Einschüchterung: Die Bibliothek. Aber nicht im Keller.

2. Die Bibliothek der Giganten: Das Kulissenschieben

des Geistes (Wie man durch 20 Meter Regalwand eine literarische Kompetenz simuliert) Ein enzyklopädischer Autor schreibt nicht nur; er residiert. Und wenn es der Dachboden ist. Bevor der erste Satz das Papier berührt, muss die Umgebung den Atem des Weltgeistes verströmen. Ein leeres oder – noch schlimmer- ein zu kleines Regal wo auch immer ist ein Geständnis geistiger Obdachlosigkeit; sorgen Sie für mindestens zwanzig laufende Meter Stellfläche. Es spielt keine Rolle, ob dort zunächst die Ritter- und Tarzan-Hefte Ihrer Kindheit oder vergilbte Versandhauskataloge lagern – die schiere Quantität der Buchrücken erzeugt das Gravitationsfeld, das Ihr Genie am Schreibtisch hält. Wer Kant, Hegel und Heidegger im Rücken weiß, schreibt keinen Unsinn – er formuliert „diskursive Grenzverschiebungen“. Die bibliophile Hochstapelei verlangt nach ritueller Pflege. Ziehen Sie in die Nähe einer Universitätsbibliothek, damit das Wissen durch die Mauern direkt in Ihre Kaffeetasse diffundieren kann. Führen Sie Ihre Nachbarn an den Regalen vorbei, streichen Sie zärtlich über den Rücken der Phänomenologie des Geistes und seufzen Sie tief. Wenn man Sie fragt, ob Sie das alles gelesen haben, antworten Sie kryptisch: „Ich atme es.“ Mancher Autor verbringt seine Nachmittage im Lesesaal, lässt sein Manuskript offen liegen und hofft, dass es sich mit dem Staub von Jahrhunderten vollsaugt. Wer zwanzig Meter Klassiker hinter sich weiß, kann vorne ungestraft Sätze produzieren, die kein Verb enthalten. Ein Buch zu besitzen ist fast so gut, wie es geschrieben zu haben. Ein Regal zu füllen ist fast so gut, wie die Welt verstanden zu haben. Aber es dauert. Und dann auch noch lesen? Intermezzo Umberto Eco besaß über 30.000 Bände. Er nannte sie seine „Antilibrary“ – ein Depot des noch nicht gewussten Wissens, eine Festung gegen die eigene Arroganz. Jorge Luis Borges hingegen pflegte eine mönchische Askese. Sein Schlafgemach war ein Exil mit Eisenbett und leerem Tisch. Als er erblindete, wurde sein Gedächtnis zur Bibliothek. Er residierte nicht inmitten von Bänden, sondern inmitten von Resonanzen. Wer das Universum im Kopf katalogisiert hat, braucht keine Regale mehr. Der Lichtblick Eine Garage ist kein Lagerhaus; sie ist ein Vakuum. Meisterschaft beginnt dort, wo man die Krücken des Sichtbaren wegwirft. Ein Raum ist erst dann bereit für die Literatur, wenn er so leer ist, dass das Echo des Schweigens zum eigentlichen Text wird. Der Ulrich-Moment: vom Keller zum Gründungsmythos Seidenglanz steht im Keller und blickt auf seine gefühlt zwanzig Kartons voller Bücher. Dachte an das schmale Eisenbett des Jorge Borges. „Fast keine Bücher? Er hat die Welt im Kopf katalogisiert, und ich schleppe mein Papier wie einen Bleigürtel?“ Er tippt sich mit zitterndem Finger an die Stirn. „Die wahre Bibliothek ist also hier drin! Auf ins Antiquariat, schnellstens. Ich beginne mit Gilgamesch. Homer und Platon, Ovid, Augustinus. In den Kartons bereits Goethe und die Heldensagen aus aller Welt. Dietrich von Bern. Siegfried, Krimhild. Was will ich mehr? So sei es, vom Keller in die Garage. Der Aufstieg beginnt!“ Doch die Stille in einem Keller mit hunderten von Büchern in muffig riechenden Kartons ist tückisch. Sie weckt ein altes, nagendes Trauma: Das Gefühl, dass alles bereits gesagt wurde – und zwar besser. Wer nicht mehr im Schutz der fremden Buchrücken steht, muss lernen, sich die fremden Worte so geschickt anzueignen, dass es wie eine eigene Entdeckung wirkt.

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