Jenseits der Mauer
9. Die Schlucht
Ich trage eine Sonnenbrille und spreche. Warum sollten Titanen da ein Problem sein?
Sie gingen noch lange schweigend nebeneinander her, als wären ihre Schritte die letzten Wellen eines sanften Wassers, das sich gerade geglättet hatte. In ihnen glomm etwas Warmes nach – ein stiller Trost, der nicht laut war, sondern wie eine Hand auf dem Herzen lag. Die Luft hinter ihnen schmeckte noch ein wenig nach Oomah, nach Salz und Licht. Vor ihnen lag ein offenes Land, das in der Nachmittagssonne fein flimmerte. Dreisatz lief mit erhobenem Kopf, als hätte er ein neues Amt übernommen. „Ich übernehme den weiteren Weg“, verkündete er mit einer Würde, die einen halben Zoll zu groß war. Die Prinzessin lächelte. „Weißt du denn, wohin wir gehen? Hast du Wasser mitgenommen?“ „Natürlich“, antwortete er sofort, ohne zu blinzeln. Dann blinzelte er. „Also… zumindest prinzipiell.“ Sie lachte. Es tat gut, nach so viel Tränen noch einmal zu lachen. Der Himmel wurde leiser, die Schatten länger. Weit in der Ferne stand ein Wald – dunkel, hoch, dicht wie ein einziger Atemzug Grün. „Dort entlang“, sagte Dreisatz, und seine Pfote zeichnete eine großzügige Kurve in die Luft. „Ein idealer Pfad. Drei Stunden, maximal.“ Die Prinzessin betrachtete den Wald, dann ihn. „Warum genau?“ „Intuition. Und Erfahrung.“ Er setzte nach: „Und meine alten Scout-Fähigkeit, die ich gerade wiederentdeckt habe. Wir haben einige Berberkatzen in der Verwandtschaft.“ Sie schüttelte den Kopf. Aber sie vertraute ihm. Oder vielleicht wollte sie es einfach. So wanderten sie los. Der Boden wurde steiniger. Die Luft heißer. Die Farben härter. Nach einer Stunde fragte die Prinzessin: „Drei Stunden, sagtest du?“ „Drei. Vielleicht vier. Plus-minus. Natürlich immer abhängig von der Beschaffenheit des Terrains.“ Das Terrain beschloss, schroffer zu werden. Die Sonne beschloss, näher zu rücken. Und der Horizont beschloss, sich nicht zu bewegen. Dreisatz ging etwas langsamer. Die Prinzessin bemerkte es. „Dreisatz?“ „Alles im grünen Bereich.“ Er schaute entschlossen nach vorn. „Reine… temporäre Ausdehnung der Distanz.“ „Das heißt: Du hast dich verschätzt.“ Er schwieg. Was bei Dreisatz ungefähr einem Geständnis entsprach. Der Pfauenmantel begann zu glühen – nicht magisch, sondern einfach zu warm. Die Prinzessin löste ihn, legte ihn sich wie einen provisorischen Sonnenschutz über den Kopf. Der Wind schlief ein. Die Landschaft verlor ihren Atem. Und vor ihnen breitete sich eine steinige, ockerfarbene Weite aus, die sich anzuschicken schien, ewig zu dauern. Dreisatz blieb stehen. Nicht lange. Nur genau die Sekunde, in der ein Mutiger die Wahrheit erkennt und trotzdem weitergeht. „Wir schaffen das“, sagte er. Die Prinzessin nickte. Aber der Wald in der Ferne wirkte weiter weg als je zuvor. Langsam – ganz langsam – begann die Wüste sie zu verschlucken. Die Landschaft veränderte sich, ohne sich zu bewegen. Kein Baum, kein Busch, kein Laut. Nur ein dünnes, dumpfes Summen der Erde, als würde sie unter der Hitze leise singen.
Sie gingen weiter. Der Boden wurde heller, dann weißlich, dann scharf wie glühende Scherben. Die Prinzessin zog die Sandale aus, klopfte sie aus, setzte sie wieder auf – und merkte, dass das Leder nachgab, als hätte die Hitze es weichgekocht. „Fühlt sich der Boden… heißer an?“ fragte sie. „Erwärmung im Rahmen normaler Wüstenprozesse“, sagte Dreisatz ohne jede Überzeugung. Die Prinzessin lächelte matt. „Du bist ein schlechter Lügner.“ „Ich bin ein hervorragender Lügner“, widersprach er. „Nur gerade… etwas überhitzt.“ Die Sonne hing jetzt tief—aber statt milder zu werden, wurde sie härter. Wie ein riesiges Auge, das sie prüfend ansah. Die Prinzessin stolperte einmal. Dann ein zweites Mal. Beim dritten Mal verzog sie das Gesicht. „Mein Fuß“, murmelte sie. Dreisatz stand sofort bei ihr. „Zeig her.“ Sie wollte Nein sagen, aber es tat weh. Als sie die Sandale wegnahm, sah er die Schwellung. Nichts Dramatisches—aber ein falscher Schritt in dieser Hitze war schlimmer als ein richtiger in der Kälte. „Wir gehen langsamer“, sagte er ruhig. Ihre Augen suchten seine. „Wir gehen überhaupt?“ Er zögerte nur den Bruchteil eines Atems zu lang. Dann lächelte er. „Natürlich gehen wir. Gemeinsam.“ Sie stützte sich auf ihn. Er ließ es sich gefallen, mit einer kleinen, stolzen Ernsthaftigkeit. Eine Weile gingen sie schweigend. Die Hitze begann zu flimmern, als wollte sie ihnen etwas vormachen. Der Wald in der Ferne schien zu schwanken. Manchmal war er nah. Dann wieder verschwunden. Die Prinzessin hielt inne. „Dreisatz… siehst du den Wald wirklich? Oder nur… so etwas wie einen Wald?“ Dreisatz blinzelte. Lange. Zu lange. „Ich sehe…“ Er schüttelte den Kopf. „Ich sehe etwas, das sehr nach einem Wald aussieht.“ „Oder nach einer Fata Morgana?“ Er krümmte den Schwanz. „Fata Morgana? Ich bitte dich. Ich habe exzellente Wüstenerfahrung.“ „Welche?“ Er räusperte sich. „Noch keine. Aber das macht mich unvoreingenommen.“ Die Prinzessin musste lachen. Ein dünnes, müdes Lachen – aber es war da. Dann ein Windstoß. Heiß. Heißer als ihre Haut. Als würde die Luft selbst über ihnen schmelzen. Der Pfauenmantel, den sie über den Kopf gelegt hatte, flatterte einmal, dann sackte er zusammen. Die Farben wirkten matt, erschöpft. Dreisatz blieb stehen. Er schaute nach vorn, nach hinten, in den Himmel. „Wir dürfen nicht stehenbleiben“, sagte er leise. „Warum?“ „Weil ich spüre, dass die Hitze uns stehenbleibend auffrisst.“ Sie nickte. Langsam. Ein Skorpion kroch vor ihnen über den Stein. Er wirkte ruhig, zuhause – im Gegensatz zu ihnen. „Dreisatz… ich habe Durst.“ Er nahm die Flasche. Schüttelte sie. Letzte Tropfen glitten den Rand hinunter. Er trank nicht. Er reichte sie ihr. „Alles für dich.“ Sie trank. Ein halber Atemzug Wasser, mehr war es nicht. Dann gab sie ihm die Flasche zurück. „Wir müssen umkehren“, sagte sie. Er schwieg. Lange. „Zurück“, wiederholte sie. „Das… können wir nicht“, sagte er schließlich. Seine Stimme war weich, aber fest. „Der Weg hinter uns ist genauso weit wie der vor uns. Aber dort…“ Er hob den Kopf. „Dort ist zumindest etwas. Ein Schimmer. Vielleicht echt. Vielleicht nicht. Aber besser als nichts.“
Die Prinzessin schloss die Augen. Sie wollte widersprechen. Aber sie war zu müde. „Dann führ mich“, sagte sie. Dreisatz stützte sie fester. Noch ein Schritt. Noch einer. Der Horizont bewegte sich nicht. Aber die Sonne tat es—sie sank, langsam. Und so begann das leise, zähe Ringen der beiden gegen eine Welt, die nicht für sie gemacht war. Die Welt wurde still. Nicht friedlich still—sondern eine Stille, die alles verschluckt. Der Boden unter ihnen veränderte sich. Wurde sandig. Weicher. Tückisch weich. Jeder Schritt sank ein kleines Stück tiefer ein, als er sollte. Die Prinzessin atmete flach. Dreisatz merkte es. „Noch ein Stück“, sagte er. Nicht, weil es stimmte—sondern weil er hoffte, es würde wahr werden, wenn er es sagte. Die Sonne sank und färbte den Himmel blutig. Der Schatten der beiden wurde länger. Zu lang. Ein Schatten, der nicht mehr wie ein Begleiter wirkte, sondern wie ein Warnsignal. Die Prinzessin stolperte erneut, diesmal ohne Vorwarnung. Tiefer Sand. Der Schmerz fuhr ihr durchs Bein. Sie verzog die Lippen, als wollte sie nichts sagen, aber ein kleiner Laut entkam ihr. Dreisatz fing sie auf. Er wirkte plötzlich kleiner — „Setz dich kurz hin“, sagte er. Sie sank auf die Knie. Der Sand war warm, fast freundlich warm, aber etwas daran machte Angst. Wärme, die festhielt. Sie blickte nach oben. Der Himmel war riesig. Viel zu riesig für ihren kleinen, müden Körper. „Wie weit noch?“ fragte sie. Dreisatz öffnete den Mund - schloss ihn wieder. Zum ersten Mal seit Stunden sagte er nichts Heldisches, nichts Überlegtes, nichts Mutmachendes. Nur ein stilles: „Ich weiß es nicht.“ Sie spürte, wie die Wahrheit wie ein Steinhagel in ihr ankam. „Du… weißt es nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich dachte… ich habe geglaubt…“ Er bricht ab. Holt Luft. „Ich wollte dich führen. Und jetzt… führe ich uns in die Hitze hinein.“ Die Prinzessin schwieg. Keine Schärfe in ihrem Blick — nur Müdigkeit. Nicht gegen ihn. Nur allgemein. So, wie man müde ist, wenn die Welt zu schwer wird. Eine Weile saßen sie schweigend. Der Wind legte sich. Die Hitze nicht. Dann sagte sie leise: „Ich habe Angst.“ Dreisatz setzte sich dicht neben sie. Er versuchte, seine Pfote ruhig zu halten, aber sie zitterte ein wenig. „Ich auch“, sagte er. Kaum hörbar. Die Prinzessin lehnte den Kopf an seine Schulter. Ihr Atem ging unregelmäßig, erschöpft, fiebrig. „Ich… kann gerade nicht mehr“, flüsterte sie. „Ich weiß.“ Ein Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte. Dann richtete Dreisatz sich auf. Er versuchte zu stehen. Der Sand gab nach. Er zuckte zusammen. Die Hitze hatte auch ihn erreicht, tiefer, als er zugeben wollte. „Wir müssen es bis zu dem grünen Streifen schaffen“, sagte er. „Ich trage dich ein Stück.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das schaffst du nicht.“ Er lächelte schief. „Ich schaffe alles. Solange du nicht fragst, wie.“ Aber als er sie hochheben wollte, knickte er selbst kurz ein. Fing sich. Atmete flach. Die Hitze brannte ihm durch das Fell bis auf die Haut. Die Prinzessin sah es. Und begriff: Er kann nicht mehr. Nicht wirklich. Sie und gingen noch vier Schritte. Beim fünften brach die Prinzessin zusammen. Sanft. Wie ein Blatt, das den Ast loslässt. Dreisatz kniete neben ihr nieder. Er versuchte, sie wach zu halten. „Prinzessin… hey… meine Prinzessin… schau mich an…“ Sie öffnete die Augen halb. „Dreisatz… ich bin müde.“ „Nein, nein, nein… jetzt nicht…“ Er legte den Mantel über sie. Drehte sich im Kreis, suchte irgendetwas— einen Schatten, einen Strauch, ein Wunder. Nichts. Er kniete wieder nieder. Seine Stirn berührte ihre. „Bleib bei mir“, flüsterte er. Er meinte nicht nur in der Wüste. Er meinte überhaupt.
Die Prinzessin lächelte schwach. „Ich bin doch… bei dir.“ Dann fielen ihre Augen zu. Dreisatz spürte, wie Panik in ihm aufstieg— und er drückte sie zurück, so gut er konnte. Seine Stimme wurde ganz weich. „Ich wecke dich gleich wieder. Ich… finde etwas. Ich mache etwas. Irgendwas.“ Der Himmel wurde dunkler. Die Kälte der Nacht kündigte sich an, aber noch war die Hitze da. Dreisatz legte sich neben sie. Schützte sie mit seinem Körper, so gut er konnte. Er selbst atmete schwer. „Bitte nicht einschlafen“, murmelte er. „Nicht beide. Einer muss wach bleiben.“
Doch auch seine Stimme wurde dünn. Fast durchsichtig. Und so lagen sie da, zwei kleine Gestalten in einer riesigen, unbarmherzigen Welt, als die Dämmerung sich senkte und der Himmel violett wurde. Als würde die Wüste sagen: Jetzt sehen wir, wer ihr seid. Dann wurde alles still. Stillstand, der „Ur- und Erbfeind alles Lebendigen.“
Bis — ein Schatten fiel. Ein großer. Ein runder. Mit langen Wimpern. Und zwei blauen Augen, groß wie Oasen, die sie aus der Höhe betrachteten. Etwas bewegte sich über ihnen. Nicht laut, nicht bedrohlich— eher wie ein großes Tier, das vergessen hatte, wie schwer seine Schritte waren. Dreisatz öffnete die Augen zuerst. Er sah verschwommen. Hitze, Sand, die Prinzessin, deren Atem flach ging — und dahinter… …zwei riesige blaue Augen. Oasen aus Blau. Klar wie Morgenhimmel. Mit langen, federleichten Wimpern, die sich im Wind bewegten. Er riss die Augen weiter auf. „Bist… du der Himmel?“, murmelte er. Da neigte sich der Kopf des Wesens ein wenig. Und jetzt sah er es deutlicher: einen langen Hals, einen kräftigen Körper eine Staubwolke um die großen Füße und — eine Sonnenbrille. Eine runde, verspiegelte Sonnenbrille. „Ich… halluziniere“, flüsterte Dreisatz. „Ich sehe einen Strauß mit Sonnenbrille.“ Der Strauß schob die Brille ein Stück nach unten. Zwei blaue Augen blickten ihn streng, aber nicht unfreundlich an. Dann sprach er: „Du halluzinierst nicht. Steh auf.“ Dreisatz erstarrte. „P…Prinzessin“, flüsterte er, „der Strauß spricht.“ „Ich weiß“, antwortete der Strauß gelassen. „Deshalb sage ich es ja.“ Er beugte sich vor, musterte zuerst Dreisatz, dann die Prinzessin. Seine Pupillen wurden groß wie Monde, als er sie genauer betrachtete. „Ihr seid am Ende“, stellte er fest. „Aber nicht tot. Glücklicherweise.“ „Wer… bist du?“, fragte Dreisatz. Der Strauß richtete sich stolz auf. Der Wind hob ein paar seiner Federn an wie wehende Fahnen. „Man nennt mich Ootan. Nicht Wotan, sondern Ootan, der Weit-Seher.“ „Warum… Weit-Seher?“ fragte Dreisatz. Der Strauß schob seine Sonnenbrille wieder hoch. „Ich kann drei Kilometer sehen, wenn mir langweilig ist. Vier, wenn ich motiviert bin.“ Dann deutete er auf die Prinzessin. „Ich sah sie umfallen. Und du… um sie kreisen wie ein verzweifelter Satellit.“ Dreisatz rang kurz nach Würde. „Ich… ich habe strategisch gehandelt.“ „Jaja. Strategisch zusammengebrochen“, sagte Ootan trocken. Der Kater schwieg. Der Strauß beugte sich tiefer zu der Prinzessin. Sanft, erstaunlich sanft für so einen großen Vogel, strich er mit einer Feder über ihre Stirn. „Wir müssen sofort in den Schatten. Und zum Wasser. Sie brennt innerlich.“ Er sah Dreisatz an. „Kannst du gehen?“ „Ja“, sagte Dreisatz automatisch— doch seine Beine gaben sofort nach. Ootan seufzte. „Gut. Dann eben anders.“ Er schob seinen Kopf unter Dreisatz’ Bauch, hob ihn wie ein verlorenes Handtuch hoch und setzte ihn auf seinen Rücken. Dreisatz protestierte schwach. „Ich… ich kann selbst laufen…“ „Natürlich“, sagte Ootan. „Aber nicht heute.“ Dann hob er die Prinzessin vorsichtig mit seinen Flügeln — sie war so klein in seinem riesigen Körper — und legte sie ebenfalls auf seinen Rücken, direkt vor Dreisatz. Die beiden wirkten winzig dort oben. Zwei kleine, erschöpfte Reisende auf einem riesigen Vogel in der Abendwüste.
„Festhalten“, sagte Ootan. „W… wie schnell rennst du?“ fragte Dreisatz. „Kommt darauf an“, sagte der Strauß. „Wie dringend es ist?“ „Sehr.“ Die Sonnenbrille glänzte. „Dann haltet euch lieber fester fest.“ Und mit einem kurzen, tiefen Laut — einem Ton zwischen Trommel und Donnerschlag — setzte Ootan sich in Bewegung. Er rannte. Aber nicht wie ein Tier. Eher wie eine Naturkraft. Der Boden vibrierte. Staub stieg auf wie Nebel. Die Luft wurde ein Wind. Die Prinzessin klammerte sich an Dreisatz. Dreisatz klammerte sich an alles. Der Strauß glitt über den Sand, als würde er den Boden kaum berühren. „Wo… wo bringst du uns hin?“ rief Dreisatz gegen den Wind. „Zu Schatten“, rief Ootan zurück. „Zu Wasser.“ Eine kurze Pause. „Und zu jemandem, den ihr treffen müsst.“ Nach einer Weile wurde der Sand dunkler. Kühler. Felsiger. Vor ihnen öffnete sich eine Senke — ein natürlicher Krater, halb von der Welt versteckt. In seiner Mitte: ein schwarzer Felsspalt. Kaum sichtbar. Wie der Eingang zu einer anderen Zeit. Davor ein glitzernder Schimmer, der nach Wasser aussah. Dreisatz schnupperte—und bekam Tränen in die Augen. „Wasser…“ hauchte er. „Eine Wüstenhöhle“, sagte Ootan. „Mit einem alten Quellsee. Und einem Bewohner, der… nun ja…“ Er räusperte sich. Seine Federn stellten sich leicht auf. „…nicht oft Besuch bekommt.“ Dreisatz wurde hellhörig. „Was für ein Bewohner?“ Ootan blieb stehen. Neigte seinen Kopf sehr langsam zur Seite. Und flüsterte: „Ein Titan.“ Der Eingang zur Höhle war kaum mehr als ein Riss im Fels. Breit genug für einen Strauß — aber für Dreisatz und die Prinzessin fühlte er sich an wie ein Tor in eine ältere Welt. Eine, in der das Licht vorsichtiger ging. Ootan blieb davor stehen, senkte seinen Hals und flüsterte: „Jetzt ruhig. Sehr ruhig. Er schläft oft… aber er hört alles.“ „Wer?“ hauchte die Prinzessin. „Der Titan.“ Dreisatz’ Fell stellte sich an manchen Stellen leicht auf, so als hätte jemand eine kalte Feder darüber gezogen. „Titanen… gibt es die wirklich?“ Ootan schob seine Sonnenbrille ein Stück nach unten und sah ihn lange, sehr lange an. „Dreisatz“, sagte er trocken, „ich trage eine Sonnenbrille und spreche. Warum sollten Titanen da ein Problem sein?“ Die Prinzessin musste trotz allem kurz lachen — ein kleines, erschöpftes Lachen, aber echt. „Kommt“, sagte Ootan. „Ich gehe vor.“ Der Felsgang war kühl. Kühler als Abendluft, kühler als Schatten. Er roch nach Stein und alten Wassern, nach etwas, das tiefer war als Zeit. Dann öffnete sich der Gang — und sie traten in eine natürliche Halle. Eine überwältigend große Halle. Die Decke ging verloren im Dunkel. An den Wänden glitzerten Mineraladern, wie Sternbilder einer vergessenen Nacht. In der Mitte lag ein stiller, glatter See, schwarz wie Glas. Und auf der anderen Seite - bewegte sich etwas. Langsam. Schwer. Majestätisch. Als würde ein Gebirge atmen. Der Umriss löste sich aus den Schatten: Eine gigantische Gestalt, halb sitzend, halb liegend, mit einem Körper wie aus Stein und Mondlicht zugleich. Breite Schultern, mit feinen Rissen wie uralte Karten. Die Augen geschlossen — doch jedes Ausatmen machte kleine Wellen im Wasser. „Das… ist ein Titan?“ flüsterte die Prinzessin. Ootan nickte ehrfürchtig.
„Sein Name ist Aru-Mor. ‚Der, der erinnert‘.“ Der Titan öffnete langsam die Augen. Zwei gewaltige, tiefgründige, goldene Augen, so groß wie Sonnen, aber warm, nicht brennend. Er sah nicht erschrocken aus. Nicht überrascht. Eher, als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass sie kommen würden. Seine Stimme war ein sanftes Donnern. „Ootan“, sprach er, „du bringst Gäste.“ Der Strauß verneigte sich. „Aru-Mor. Ich bringe zwei, die verloren waren.“ Der Titan richtete sich leicht auf, das Wasser lief ihm von den Armen wie Flüssiglicht. Sein Blick ruhte auf der Prinzessin. Er sah sie lange an, so lange, dass Dreisatz nervös wurde. Dann sprach Aru-Mor: „Kind mit dem offenen Herzen. Du trägst altes Licht in dir — und alten Schmerz.“ Die Prinzessin schluckte. Ihre Knie zitterten. Aru-Mor wandte sich Dreisatz zu. Seine Augen wurden weicher. „Kleiner Krieger mit dem großen Herz. Du trägst Mut, der größer ist als dein Fell.“ Dreisatz räusperte sich. „Äh… ich weiß nicht, ob mein Fell… also…“ „Sei still“, murmelte Ootan. „Er meint das ernst.“ Der Titan lächelte — ein kaum sichtbares, riesiges, warmes Lächeln. „Kommt“, sagte Aru-Mor. „Ihr seid durstig. Erschöpft. Und die Wüste hat euch geprüft.“ Er legte seine große Hand in den See. Das Wasser leuchtete für einen Moment blaugrün auf. „Trinkt.“ Die Prinzessin und Dreisatz gingen zögerlich zum Ufer. Sie schöpfte etwas Wasser in ihre Hände — und noch bevor sie trank, spürte sie etwas: Wärme. Tiefe. Ein Gefühl, als würde der Körper sagen: Du darfst bleiben. Dreisatz trank ebenfalls. Dann prallte er zurück. „Das ist…“, er schmatzte, „das beste Wasser aller Welten.“ „Es ist altes Wasser“, sagte der Titan. „Reines Wasser. Wasser, das noch nicht verletzt wurde.“ Die Prinzessin setzte sich. Und zum ersten Mal seit Tagen — fiel eine Schwere von ihr ab. „Warum… hilfst du uns?“ fragte sie leise. Aru-Mor schloss die Augen kurz. Als würde er in sich hinein hören. „Weil ihr auf dem Weg seid“, sagte er. „Und weil Wege, die zu tiefen Fragen führen, niemals unbegleitet bleiben dürfen.“ Später, viel später, als sie satt waren, und ihre Kräfte langsam zurückkamen, setzte sich der Titan gerade auf. Sein Blick wurde ernster. „Ihr müsst weiter“, sagte er. „Nach Osten, zum Rand des grünen Waldes.“ Er deutete mit seiner massigen Hand in die Richtung des Ausgangs. „Hier beginnt die Schlucht. Dort wartet jemand auf euch.“ „Wer?“ fragte Dreisatz. „Jemand, der weiß, wie man über Abgründe spricht“, antwortete Aru-Mor. „Ein Vogel mit zu viel Farbe und zu wenig Ruhe.“ Ootan grinste. „Der Papagei.“ „Passt auf euch auf“, sagte Aru-Mor. „Die Schlucht ist kein Feind — aber sie spiegelt, was in euch dunkel ist. Geht vorsichtig.“ Er sah die Prinzessin an. „Du hast deine Tränen gezeigt. Nun wirst du deinen Mut erkennen.“ Dann sah er Dreisatz an „Ich… ich kann auch leise mutig sein.“ „Ja“, sagte der Titan. „Aber laut bist du öfter.“ Er lachte. Und die Höhle lachte mit. Als sie gingen — die Prinzessin leicht gestützt von Dreisatz, Dreisatz leicht gestützt von Ootan, Ootan leicht gestützt vom Stolz — blickte die Prinzessin noch einmal zurück. Aru-Mor saß still am See. Wie ein Berg, der beschlossen hatte, jemandem zu helfen. Sie flüsterte: „Danke.“ Der Titan neigte den Kopf. „Wege kreuzen sich nie zufällig.“ Draußen war die Luft noch heiß — aber ein leiser Wind kam auf, der wie Wasser roch. Und irgendwo, sehr weit entfernt, hörten sie ein einzelnes, lautes, freches KRAKAKAA!
„Der Papagei“, sagte Dreisatz. „Na großartig. Ich hab Papageien nie vertraut.“ „Du vertraust niemandem, der bunter ist als du“, sagte die Prinzessin. „Natürlich nicht“, sagte Dreisatz. „Das ist eine Grundregel .“ Und sie gingen weiter. Ootan brachte sie zurück an die Oberfläche, dorthin, wo die Luft wieder warm war und der Sand wie flüssiges Gold über die Dünen lief. Der Abend senkte sich bereits, nicht abrupt, sondern mit jener langsamen Geste, die die Wüste manchmal hat – so, als wolle sie dem Tag einen höflichen Knicks schenken. Die Prinzessin fühlte sich leichter. Nicht nur, weil das Wasser Aru-Mors sie gestärkt hatte. Es war etwas anderes. Etwas wie ein neu geordnetes Inneres. Dreisatz merkte es. Er lief ein Stück vor ihr her, dann zurück, dann wieder vor – wie jemand, der überprüfen wollte, ob die Welt noch hält. „Du siehst wieder aus wie… du“, sagte er schließlich. Die Prinzessin lächelte. „Und du wie jemand, der glaubt, er wäre unsterblich.“ „Ich?“, empörte sich Dreisatz. „Ich bin lediglich optimistisch ausgestattet.“ „Sehr großzügig formuliert“, murmelte Ootan. Sie erreichten die letzte Düne. Unten warteten Ootans Gefährten – eine kleine, elegante Straußenherde, jede mit einem anderen improvisierten Sonnenschutz: Tücher, Gräser, sogar ein einzelner zerbeulter Hut. „Wir bringen euch noch ein Stück“, sagte Ootan. „Aber nicht bis in den Wald. Die Schlucht gehört nicht uns.“ Er ließ sich in den Sand sinken, und sie stiegen auf. Ein kurzer Ruck, dann schossen sie los: lange Schritte, weiche Bewegungen, die den Sand kaum aufwirbelten. Wie Gleiten auf einem goldenen Teppich. Der Wind fuhr durch ihre Haare. Die Hitze wurde milde. Ein erster kühler Abendzug kam aus Osten. „Ich dachte, die Wüste wäre still“, sagte die Prinzessin. „Ist sie auch“, antwortete Ootan. „Aber sie hört zu. Immer.“ Nach einer Weile blieb er stehen. Der Boden wurde steiniger, kantiger. Vereinzelt wuchsen dunkle, knorrige Sträucher – als hätten sie sich in der Hitze selbst vergessen. „Hier endet unser Weg“, sagte Ootan leise. „Dahinten beginnt das alte Land.“ Der Strauß beugte seinen Hals zu ihr. Seine großen blauen Augen spiegelten den Abend. „Die Schlucht wird euch prüfen. Aber ihr seid stärker, als ihr glaubt.“ Er stupste Dreisatz an. „Und du – pass auf. Mut ist manchmal laut. Aber der wichtigste Mut ist leise.“ Dreisatz versuchte eine lässige Pose. Sie hielt ungefähr drei Sekunden. Die Prinzessin strich Ootan über den Hals. „Danke. Für alles.“ „Gern“, sagte Ootan. „Und sagt Aru-Mor, wenn ihr ihn wiederseht: Ich schulde ihm noch einen Kiesel.“ „Warum einen Kiesel?“ fragte Dreisatz. Ootan zwinkerte. „Lange Geschichte.“ Dann wandte er sich um und verschwand mit zwei Sätzen in der Dämmerung. Sie gingen weiter. Ein schmaler Pfad aus hellgrauem Stein führte über eine kleine Hügelkuppe. Und plötzlich — lag sie vor ihnen.
Diese Schlucht kam, wie Dinge im Leben oft kommen: ohne Vorwarnung. Kein Trommeln, kein Raunen – nur plötzlich da. Kein Schild. Kein Vogelruf, der hätte warnen können. Nur ein Riss in der Landschaft. Sicher ca. sechs Meter breit. Erfüllt von Nebel, warm wie Atem aus der Tiefe. Der Nebel roch nach feuchtem Stein und einem Hauch Metall. Der Abend stand schräg im Licht. Alles war still, als hielte die Welt kurz die Luft an. Dreisatz blieb stehen, schob die Ohren nach hinten und knurrte leise: „Wir sind weit gekommen. Aber das hier gefällt mir nicht. Ich bin Kater, eng verwandt mit Paul, aber kein Nebelturner. Kein Akrobat des Unsichtbaren.“ Sein Schweif schlug einmal gegen den Boden, kurz, nervös. Die Prinzessin trat neben ihn. Das Licht färbte den Nebel golden, und doch lag darin etwas, das nicht lockte, sondern die Hand zurückzog – als
wolle es prüfen, ob sie standhielten. Umkehren? Nein. Sie wusste es, ohne zu wissen, woher: Es gab keinen Weg zurück, nur vorwärts. Es war, als flüstere etwas in ihr: „Geh weiter“. „Nichts wie weg hier. Das ist nicht gerade ein Ort für einen Badeurlaub. Hier ist Geröll, hier ist Tiefe – und wer weiß, was da noch herumkriecht.“ Dreisatz trat mutig an den Rand der Schlucht, schaute hinunter – und sprang mit einem Riesensatz rückwärts. Sein Sprung löste ein Knistern kleiner Steine aus, die klirrend in die Tiefe rollten. „Hallo? Ist hier jemand?“ rief er in Richtung des Abgrunds. Kein Echo. Die Stille war so vollkommen, dass selbst ihr Herzschlag wie ein Fremdgeräusch klang. „Naja, ich!“ rief eine Stimme von oben, und plumps! – ein olivgrüner Handball plumpste vor seine Pfoten, blickte kurz auf, sah den Kater… und kippte um. Dreisatz machte einen Satz zurück – nicht vor Angst, sondern weil man olivgrüne Handbälle selten vom Himmel fallen sieht. Ein Papagei. Ihr ratet es schon: es war ein Kakapo, rundlich, mit Federn, die aussahen, als hätte ein Schneider sie aus den Resten alter Theaterkostüme zusammengenäht. „Tot?“, fragte die Prinzessin entsetzt. Die Prinzessin griff unwillkürlich nach seiner Pfote. Dreisatz schnupperte. „Eindeutig ein Papagei. Ich habe mal so einen getroffen – war ein großartiges Spiel. Ich habe ihn zehnmal erschreckt und er ist zehnmal umgefallen, Riesenspass für uns beide. Das machen die so, wenn sie Angst haben. Professionelle Ohnmächtige – Synkopisten, wie ich das genannt habe.“ Dreisatz warf der Prinzessin einen Seitenblick zu, als wollte er sagen: Siehst du, so schlimm ist es nicht. Der Vogel öffnete ein Auge, sprang munter auf und verbeugte sich. „Naja, ich bin Keapo, der Kakapo, der Einzige zwischen diesem Baum und… naja, vermutlich dem nächsten Baum. Immigrant. Ich habe nie Angst. Ich tue nur so.“ Er warf die Brust vor, sortierte seine zerzausten Federn und fügte wichtig hinzu: „Und außerdem bin ich ein Experte für Schluchten. Also theoretisch.“ Bei den letzten Worten verhedderte er sich fast in einer eigenen Feder und tat, als wäre das Teil der Show. „Was machst du hier?“, fragte die Prinzessin. „Naja,“ krächzte er und zupfte an seinen Federn, „ich warte auf Helden, die die Schlucht überqueren wollen. Manche haben es schon versucht. Der letzte Schrei klingt mir noch in den Ohren. Keiner hat es geschafft. Außer mir natürlich. Ich hab’s schon hundertmal geschafft. Vielleicht auch nur zehnmal. Na gut, einmal im Traum.“ Er deutete mit dem Flügel auf den Abgrund. „Ihr wollt rüber? Springen? Keine Chance. Brücke? Fehlanzeige.“ Hier kommt keiner rüber. Hier ist noch niemand rübergekommen, ich meine, lebendig..… Es sei denn….“ „Es sei denn….?“, wiederholte Dreisatz misstrauisch. „Es sei denn. Lass mich nachdenken. …Naja: ich habs: Melonia und Ananastasia. Wunderschön. Zwanzig Meter, naja vielleicht zehn. Absolute Knotenkünstler. Zehn Jahre Seefahrt, im Sturm Masten gehalten – Palstek, doppelter Schotstek… alles im Repertoire!“ „Du meinst, uns soll jemand eine Hängebrücke basteln? Wann, dieses Jahr noch?“ Dreisatz winkte ab. „Naja, nein, nein. Viel einfacher. Schneller. Meine unfassbar sichere Spontan-Idee. Sofort-Lösung. Quasi wie Baumstämme darüberlegen. Könnt ihr einfach drüber laufen. Instant-Baumstämme. „Aja“, fauchte Dreisatz, „und du fällst jetzt mal zwei Baumstämme, so zehn Meter lang. Ich sehe aber gerade keine 10-Meter-Bäume.“ „Naja, nicht richtige Baumstämme, eher so wie ganz dicke, feste Seile, absolut sicher -absolut. Naja, Pythons eben! Völlig harmlose, ehrenwerte Pythons, aber dick wie Baumstämme“ Keapo hüpfte erregt auf und ab. „Brave Schlangen. Ehrlich. Ich schwöre. Zuverlässig.“ Die Prinzessin riss die Augen auf. „Schlangen?“ Dreisatz trat so dicht vor Keapo, daß der vor Schreck fast wieder in Ohnmacht fiel. „Schlangen? Bist du verrückt? Schlangen sind nicht mein Ding. Schluchten auch nicht. Schlangen in Schluchten am allerwenigsten.“
Keapo grinste. „Naja, dann wird’s spannend! Ihr müßt schon wissen, was ihr wollt. Vor oder zurück. Schaut sie euch doch erst mal an. Garantiert Vegetarier, nur Melonen, Ananas und Jackfruits.“ Er stieß einen durchdringenden Laut aus, der wie ein rostiges Scharnier klang. Der Wald hielt den Atem an. Es dauerte nicht lange, dann glitten sie hervor: zwei majestätische Körper, schimmernd wie Flüsse, gemustert in Bronze, Grün und Schwarz. Wild tätowiert, Wale, Seejungfrauen, Anker, Stiere, Katzen. Aber….Augen warm und wach, und nicht das kalte Gelb, das man erwarten würde. „Hallo ihr drei Süßen, Buenos Dias“, sagte die erste, ihre Stimme wie ein tiefer Kontrabass. „Ihr wollt hinüber?“ „Warum nicht bei uns bleiben?“, schnurrte die zweite, heller, beinahe spielerisch. „Genau“ sagte die erste, „Spielen, z.B. Versteck spielen.“ „Oder Einwickeln spielen“, sagte die andere, „Oder Verschlucken“. Die Prinzessin wagte kaum zu atmen. Dreisatz sträubte das Fell. Keapo warf die Brust noch ein bisschen weiter heraus, weil er ja die beiden eigenhändig herbeigezaubert hatte. „Seht ihr, seht ihr“, rief er, „die Lösung! Zwei Schwestern, das ist ~Melonia~, und die kleinere ist ~Ananastasia~, beide länger als jede Brücke - und so dick!“ Melonia glitt langsam näher, dicht vor Keapo, fast berührte sie ihn, sah ihm fest in die Augen, waren sie nicht eine Spur gelblicher? „Schweig, du Vogel, sei vorsichtig, wir sind nicht ….`dick`, du Klops, du musst noch ein bisschen üben in deiner Wortwahl.“ Sie wandte sich dem Kater zu: „Ihr Süßen, wir kennen hinlänglich das Problem mit der Schlucht. Ein wenig zu breit, um drüber zuspringen, nicht Kater? Es verirren sich selten so schöne Menschenkinder hierher und….. so hübsche kräftige Kater. Ananastasia nickte fast krampfartig verzückt und strich mit ihrer Zunge an ihrer Oberlippe entlang. „Meinem Urgroßvater wäre das Wasser im Munde zusammengelaufen.“ „Ihr müsst euch keine Sorgen machen, wir sind eingefleischte Vegetarier, - zumindest heute. Nicht wahr, Ananastasia? Wir fressen nur runde Sachen, Melonen, und zur Not auch ballartige grüne saftige dicke Klopse“, wobei sie scharf Kaepo anschaute. Der Kakapo kippte – plopp- um. Ananastasia: „Gut, und wir sehen deine Nöte du schönes Menschenkind. Aber bleibt doch noch, wir haben selten Besuch. Wir spielen so gerne“. Melonia: „Außerdem sind wir voll im Training. Wir sind Wrestler. Klasse bis 120 kg, Internationale Meister. Unsere Rücken- und Bauchmuskeln sind wie aus Stahl, oder seht ihr etwa Haare auf unseren tätowierten Bodys? Trainiert doch ein wenig mit uns.“ Ananastasia: „Nein, lass mal, Melonia. ich habe mich doch gestern im Training mit dem Gorilla verhoben, der Kerl war doch zu schwer. Blockierung Wirbel 319/320, Rückenmuskulatur hat sofort zugemacht. Aber du könntest doch….“ Melonia: „Ja, ich könnte… euch tragen, alleine, ich mache eine kleine einfache Brücke mit meinem „dicken“ (sie drehte blitzschnell ihren Körper zum Papagei, der wieder „ploppte“) Body, da könnt ihr einfach rüberspazieren“, sagte sie ruhig. „Aber nur, wenn ihr vertraut.“ Jedoch- dieses „nur“ war größer und breiter als die Schlucht selbst.
Dreisatz schätzte die Breite der Schlucht einigermaßen realistisch auf die Höhe von einem Stockwerk eines Hauses mit unterem Dachrand. Könnte er sonst lässig in drei Sätzen bis aufs Dach schaffen. Aber Schluchten horizontal ohne Boden sind eben nicht Schluchten vertikal mit Wand.
Melonia legte ihren schweren, bronzeschimmernden Kopf seitlich auf den Boden, direkt vor Dreisatz. „Na, kleiner Panther, du siehst aus, als würdest du gern die ganze Welt beherrschen – und fällst schon in Ohnmacht bei einem Riß, den ein Frosch überspringt.“ Dreisatz zog die Schnurrhaare nach vorn, sein Rückenfell stand leicht hoch. „Ich bin kein Panther, sondern ein Kater – und meine Sprünge reichen weiter, als ihr Schuppenmädels je gekrochen seid.“ Ananastasia, die mit einem leichten Knick im Rücken lag und ihre Muskeln vorsichtig dehnte, lachte heiser. „Schuppenmädels? Hach, wie süß. Er glaubt, er könne uns beleidigen. Weißt du, mein Lieber, wir wickeln Schiffe ein, wir halten Masten im Sturm – dich wickeln wir im Schlaf zu einer Schleife.“
„Wenn ihr nicht gerade vom Training mit einem kleinen Affen Wirbelblockaden habt,“ warf Dreisatz spitz ein. Er grinste, aber seine Schwanzspitze zuckte nervös. Melonia schnurrte tief wie ein Kontrabass. „Er hat’s gehört, Schwester! Stell dir vor – er glaubt, er könnte gegen uns punkten. Ein kleiner französischer Charmeur, der denkt, er sei ein Wrestler.“ „Französisch?“ Dreisatz blinzelte langsam, demonstrativ gelassen. „Ich bin mehr als das. Je suis un maître du saut – drei Sätze, und ich stehe auf jedem Dach. Und glaubt mir: Dächer sind höher als Schluchten.“ „Höher vielleicht,“ raunte Ananastasia, „aber nicht breiter. Und Brücken baust du nicht mit Sprüngen, sondern mit Vertrauen.“ Die Prinzessin kicherte verhalten, während Keapo ein paar Schritte zurückwich – er ahnte, dass die Luft gleich knistern würde wie vor einem Sommergewitter. Melonia schlängelte sich langsam nach vorn dicht vor Dreisatz, bis ihr Körper den Boden wie eine gespannte Bogensehne durchzog. „Weißt du, Katerlein, wir kämpfen nicht mit Krallen. Wir kämpfen mit Kraft, Ausdauer, Geduld. Wir warten, bis der Gegner sich selbst im Kreis dreht. Dann genügt ein kleiner, ein winziger Druck.“ Dreisatz sträubte das Fell am Rücken, doch er blieb sitzen – stolz, wie es nur ein Kater konnte. „Geduld? Klingt eher nach Langeweile. Ich brauche drei Atemzüge – und schon ist jeder Kampf entschieden.“ Ananastasia schnaubte, ihr Lachen klang wie ein Zischen von Dampf. „Drei Atemzüge? Für uns ist das Aufwärmen. Frag mal den Gorilla. Oder den Tigerhai, den wir am Strand getroffen haben. Er schwimmt noch immer rückwärts.“ „Tigerhai, Gorilla, alles Märchen,“ schnurrte Dreisatz spöttisch. „Ihr erzählt wie alte Seebären – groß, dick und voller Geschichten. Aber am Ende… seid ihr immer noch nur Schlangen.“ Melonia blinzelte langsam, und ihre Stimme senkte sich, gefährlich weich: „Und du bist immer noch nur ein Kater. Schön, dass wir das geklärt haben.“ Die Prinzessin hob die Hände beschwichtigend, doch ihre Augen glänzten vor Neugier – sie spürte, dass dies mehr war als ein Streit. Es war ein Tanz, ein Funkensprühen. Dreisatz reckte das Kinn. „Ein Kater, ja. Aber einer, der überlebt, weil er weiß, wann man faucht – und wann man schnurrt.“ „Schnurren?“ Ananastasia grinste schief. „Dann schnurr mal, kleiner Charmeur. Vielleicht legen wir uns dann für dich als Brücke hin.“ „Vielleicht,“ erwiderte Dreisatz, „schnurre ich nur, wenn mir wirklich jemand gefällt.“ Seine Augen funkelten kurz zur Prinzessin – und wieder zu den Schwestern. Melonia neigte den Kopf, ihre Augen funkelten wie Bernstein im Dämmerlicht. „Weißt du, Kater, Stärke bedeutet nicht, den anderen kleinzumachen. Stärke bedeutet, dass sich andere auf dich verlassen können.“ Ananastasia, die Verletzte, schlängelte sich näher und atmete schwer. „Ich könnte dich jetzt provozieren, kleiner Charmeur. Aber in Wahrheit weißt du genauso gut wie wir: Über diese Schlucht kommt keiner allein. Nur zusammen.“ Die Prinzessin legte die Hand auf Dreisatz’ Rücken. „Ich glaube ihnen,“ sagte sie leise. „Manchmal sind die Stärksten nicht die, die am lautesten fauchen, sondern die, die sich hinlegen, damit andere hinübergehen können.“ Dreisatz schnaubte, aber seine Schwanzspitze verriet ihn. „Hm. Also… ihr wollt mir sagen, dass man manchmal vertrauen muss. Selbst wenn man Fell hat und Krallen wie Rasiermesser?“ Melonia grinste breit. „Genau das, Fellknäuel. Selbst die besten Knoten halten nur, wenn man ihnen vertraut.“ „Euer Schritt ist unsere Ehre,“ murmelte Ananastasia. „Aber geht mit Herz. Wer zögert, wankt. Wer vertraut, geht sicher.“ Die Prinzessin atmete tief, fasste Dreisatz bei der Pfote. „Dann gehen wir. Ich will nicht zurück.“ Dreisatz rollte die Augen, doch er stellte sich an ihre Seite. „Na schön. Aber wenn ich runterfalle, dann nur aus Prinzip.“ Die Brücke war da – nicht aus Stein, nicht aus Holz, sondern aus Vertrauen. Die Prinzessin sah in den Nebel, der in der Tiefe lag wie ein Auge, das alles sah und nichts versprach. In ihr stieg ein alter Widerhall auf: Flure, in denen Schritte verhallten. Zimmer, in denen niemand kam.
Versprechen, die nie gehalten wurden. Sie drückte unwillkürlich das Tuch von Oomah an sich, das noch warm in ihrem Rucksack lag. Vorwärts, dachte sie. Nicht mehr zurück. Ja oder Nein? Die beiden kürzesten und schwersten Worte. Melonia glitt vor, ihr Körper eine geschmeidige Linie aus Kraft. Ihre Schuppen glänzten im Abendlicht, als seien sie mit flüssigem Kupfer überzogen. Sie hielt kurz inne, sah Dreisatz direkt in die Augen und zischte leise: „Vertrauen ist kein Spiel, Kater. Es ist das Netz, das nur dann trägt, wenn du springst. Aber Vorsicht, ich bin eingeölt, meine Haut ist etwas empfindlich.“ Mit erhobenem Schwanzende glitt sie bis an die Schluchtkante, senkte den Kopf – und ließ sich hinübergleiten. Zentimeter für Zentimeter legte sie sich über den Abgrund, ein lebendiger Bogen. Ananastasia schaute aufmerksam dem Schauspiel zu, ohne sich zu rühren: „Wir sind nicht hier, um euch zu verschlingen“, flüsterte sie. „Wir sind hier, um euch zu tragen.. Aber nur, wenn ihr wagt, uns zu glauben.“ Die Prinzessin rang nach Luft. „Das… das hält doch nie.“ „Nur wenn du zweifelst“, sagte Ananastasia. Gerade als Dreisatz den ersten Schritt wagen wollte, wurde der Wind still. Vögel, die bisher irgendwo im Wald geschwiegen hatten, flogen herbei und setzten sich auf die breiten Rücken der von Melonia, die ruhig über der Schlucht lag. Zwei, drei, schließlich ein ganzer Schwarm. Sie flatterten nicht, sie saßen einfach da – ruhig, federleicht, als wollten sie zeigen: Diese Brücke trägt nicht nur Körper. Sie trägt Vertrauen. Die Prinzessin drückte Dreisatz’ Pfote. Er knurrte gespielt und flüsterte: „Na schön, wenn sogar die Vögel mitgehen… dann wohl auch ich.“ Keapo klatschte mit den Flügeln, halb hysterisch, halb begeistert. „Meine Idee, es war meine Idee! Die Schlucht ist nur 500 m tief, die Lava unten ist nicht so heiß, also keine Angst!“ Dreisatz funkelte ihn an. „Sehr tröstlich, halt den Schnabel, Vogel. Ich zuerst.“ Er hob seinen Schweif, das Pfauenauge blitzte wie ein Signalfeuer. Dann setzte er die erste Pfote auf die Schlangenbrücke. Sie schwankte, federte, spannte sich – doch sie hielt. „Links, rechts, wie ein Tänzer!“, rief Keapo. „Oder wie ein Narr“, brummte Dreisatz – und sprang. Ein Satz, zwei Sätze, jeder wie ein Pulsschlag aus Muskeln und Trotz. In der Mitte hielt er inne, weil Melonias Kopf sich ihm zudrehte. „Kater“, zischte sie, „willst du sehen, wie tief Vertrauen gehen kann?“ Ihr Maul öffnete sich – ein Tor in die Finsternis, tiefer als die Schlucht selbst. Dreisatz legte die Ohren an. „Ruhig Blut, Schwester. Ich habe meinen eigenen Abgrund – und scharfe Krallen dazu.“ Ein Zucken, ein Lächeln, so weit Schlangen eben lächeln können – dann spannte sie nach. Ein letzter Sprung. Dreisatz landete auf der anderen Seite, schüttelte das Fell, als hätte er den Regen selbst besiegt – in drei Sätzen. „Prinzessin – jetzt du. Deine Angst wirst du nur los, wenn du handelst.“ Die Prinzessin legte das Tuch um die Schultern, wie man einen Mut-Schal bindet. Wenn ich falle, hält mich niemand, flackerte es in ihr. Doch ich bin nicht allein, antwortete etwas anderes. Sie setzte den Fuß auf die Schlangen-Brücke. Warm. Vorsichtig. Lebendig. Ein Schritt. Zwei. Drei. Ich kann zurück. Jetzt noch. Aber ich bin mein Zurück schon so oft gegangen. Ich will nicht mehr zurück. Der Nebel zog wie kalte Finger an ihren Beinen. Sie hielt den Atem an. Fallen. Gehalten werden. Jemand hat mich schon getragen: Oomah. Paul. Die Ameisen. Tragen ist möglich. Vertrauen ist möglich. Da wandte Melonia kurz den Kopf und sah sie an – kein Zischen, kein Drohen, nur ein stilles, prüfendes Schauen. Die Prinzessin erwiderte den Blick, fast wie ein Nicken: Ich vertraue. „Atmen“, flüsterte Ananastasia, „gehe Schritt für Schritt“. Kein Befehl – ein Atem, der herüberkam. Ein. Aus. Ein. Aus. Ihr Körper wurde ruhiger. Schritt für Schritt. Langsam.
Sie dachte wieder an ihren Großvater, jetzt, jetzt begriff sie: Schritt für Schritt. L a n g s a m. Ein Ausrutscher. Herzschlag stockte, ein Schrei. Doch Melonia wölbte den Leib, fing sie auf, wie ein Arm um eine Schulter. „Du bist sicher“, vibrierte die tiefe Stimme. Tränen stiegen auf – nicht nur aus Angst, sondern aus Erlaubnis. Ihre Finger glitten über die warmen Schuppen – sie fühlte, dass sie getragen wurde. Vielleicht kann man Vertrauen wiederfinden. Vielleicht ist Vertrauen nichts anderes als Sich-Trauen. Ein Erinnerungsfetzen kam, wie sie sie eine Kellertreppe hinuntergefallen war und sich den Fuß gebrochen hatte. Es war noch kein Geländer angebracht. Sie schaute in die Tiefe.
Vom anderen Ufer rief Dreisatz: „Noch zwanzig Schritte! Schau nur mich an!“ Sein Pfauenauge leuchtete wie ein Stern im Nebel. Dann zählte sie. Zwanzig… fünfzehn… zehn… fünf. Ich habe Angst. Und ich gehe trotzdem. Zwei. Eins. Fester Boden. Ein Ruck im Körper, als streife sie eine zu enge Haut ab. Der Wald brach in Stimmen aus: Affen trommelten, Vögel kreisten, ein Tapir stampfte wie eine Pauke. Die Prinzessin stand still, zitterte – nicht vor Angst, sondern wie nach einem Tanz. Und dann brach es heraus, sie machte einen Satz in die Luft, sie konnte ihn nicht mehr zurückhalten. „Du bist zehn Zentimeter mutiger geworden“, schnurrte Dreisatz und rieb seine Stirn an ihrer Hand. „Mindestens fünfzehn“, krächzte Keapo, „rein wissenschaftlich!“ „Und jetzt du, du Vogel“: befahl Dreisatz. Und weil niemand ihm widersprach, machte Keapo einen krummen Knicks, setzte sehr ernst die Pfote – pardon, den Fuß – auf die Schlangenbrücke, zog ihn schnell wieder zurück, wieder vor-- und wackelte los. „Links, rechts, links“, kommandierte er sich selbst, „oder war’s umgekehrt?“ Melonia schaukelte ein winziges bisschen extra. Keapo schnaubte, breitete die Flügel, stolperte, raffte sich auf und plumpste schließlich auf die andere Seite, riss die Flügel hoch. „Geschafft“, rief er. „Naja, klar, eine Heldentat! Und ich sage euch: Die Schlucht war mindestens fünfzig Meter breit! Naja, vielleicht hundert! Und unten… Lava, glühende Lava! Hagel! Donner!“ „Beim nächsten Mal umkreist er die Erde. Rückwärts“, murmelte Dreisatz. Keapo tat, als hätte er es nicht gehört. „Als erster Kakapo der Welt auf einer Schlangenbrücke. Ich nehme Glückwünsche in Applaus entgegen. Und Nüsse. Vor allem Nüsse.“ Melonia entspannte und streckte sich. Ananastasia war sehr schnell unbemerkt gefolgt, die anderen waren zu sehr mit sich beschäftigt. Für einen Moment standen beide Schlangen aufrecht - wie zwei Säulen aus Schuppen und Licht. Dann, langsam, beinahe würdevoll, rollten sie ihre Körper zusammen. „Man wächst an seinen Aufgaben - und auch an seinen Rückenschmerzen“, sagte Melonia und zwinkerte ihrer Schwester zu. „Und an seinem Vertrauen“, ergänzte Ananastasia. Die Prinzessin trat vor und hob die Hand. Einen Augenblick zögerte sie. Dann legte sie die Hand auf Melonias Schuppenhaut. Warm. Trocken. Fest wie Holz, und doch warm, als atme etwas darunter. Ein leises, fast unhörbares Brummen ging durch die Schlange, als hätte jemand ganz tief innen eine Saite angerührt. Dreisatz schnurrte leise, kaum hörbar, als wollte er den Augenblick mit seinem eigenen Herzschlag bestätigen „Danke“, sagte die Prinzessin. „Dass ihr mich nicht fallen gelassen habt. Und… dass ihr mich habt weitergehen lassen.“ „Wir haben dich nicht lassen“, erwiderte Ananastasia sanft. „Du hast uns erlaubt, dich zu halten. Das ist etwas anderes“. Dieser Satz blieb über der Schlucht hängen. Die Prinzessin schaute auf. In den Augen der Schlange lag nichts Kaltes, nur ein tiefer, unerwarteter Glanz – wie Mondlicht auf ruhigem Wasser. Keapo, der inzwischen eine imaginäre Medaille polierte, hüstelte: „Ich werde die Geschichte exakt erzählen. Zwölf Meter…, sagen wir fünfzig… Vielleicht hundert. Und unten war Lava. Und drei Drachen. Mindestens. Einer hustete sogar.“ „Drachen husten nicht“, sagte Dreisatz trocken. „Sie fiepen.“ „Dann hat er gefiept!“, rief Keapo freudig. „Ein fiepender Drache über Lava! Ich war dabei!“ „Jaja, du grüner Klops, ungewohnte Expositionstherapie“, entfuhr es Dreisatz. Die Prinzessin lachte – ein rundes, neues Lachen, das nicht aus Erleichterung kam, sondern aus etwas Neuem. Sie strich über ihren Pfauenaugenmantel, dessen Farben tief und lebendig strahlten. Der Nebel in der Schlucht leuchtete in zarten Farben. Für einen Augenblick sah es aus, als sei dort ein unsichtbarer Pfad gelegt – nur sichtbar für die, die jemals selbst eine Schlucht überqueren müssen. „Du brauchst keine Krone“, hatte Paul gesagt. Jetzt verstand sie noch ein wenig mehr, was das hieß.
Die Schlangen senkten die Köpfe. „Wenn ihr wieder einmal eine Schlucht findet“, sagte Melonia, „ruft nicht zu laut. Wir hören die leisen Stimmen besser.“ „Und cremt euch die Pfoten mit Kokosöl ein“, fügte Ananastasia hinzu, und ihr Blick glitt zu Dreisatz’ Ballen. „Es pflegt den Mut.“ „Ich pflege meinen Mut mit Schlaf“, sagte Dreisatz und gähnte so ausladend, dass Keapo rückwärts stolperte. „Aber das Kokosöl merke ich mir. Und Danke für alles, ich habe etwas von euch gelernt. Ihr habt vollkommen recht.“ Die Prinzessin verneigte sich noch einmal. Sie hätte umarmt – doch da waren Schuppen, keine Arme. Also legte sie die Stirn kurz gegen Ananastasias Haut. Die Schlange schloss die Augen. Wer hätte gedacht, dachte die Prinzessin, dass sich Nähe manchmal so anfühlen kann. Sie wandten sich zum Weg. Hinter ihnen summte der Dschungel, vor ihnen sang das Licht. Keapo erzählte bereits die erste, zweite, dritte Version seiner Heldentat. Dreisatz ließ ihn gewähren. „Jemand muss ja die Mythen pflegen“, brummte er, und sein Pfauenauge blinzelte. Die Prinzessin blieb noch einmal stehen und sah zurück. Die Schlucht lag da, wo sie immer liegen würde. Doch in ihr war etwas anders geworden: nicht der Riss, sondern der Blick: Nähe ist ein Risiko. Aber wer das Risiko nicht eingeht, wird die Brücke nie finden. Jeder muß einmal in seinem Leben eine Schlucht überqueren. Oder mehrere. So oft, bis er es verstanden hat. „Ja“, sagte Dreisatz, halb zur Prinzessin, halb zu sich, „du hast tatsächlich vertraut.“ „Wie meinst du das“ fragte die Prinzessin wie abwesend, „Vertrauen, das ist Vertrauen?“ Dreisatz schnurrte. „Ja, das ist Vertrauen, wenn du weitergehst und hoffst, dass selbst der Abgrund sich an sein Versprechen hält. Und– du hast gehandelt.“ Und während die Affen trommelten, die Vögel kreisten und ein alter Tapir unbeholfen einen Tanzschritt wagte, wusste sie: Sie hatte ihre Schattenlinie überschritten. Nicht weil der Abgrund verschwunden war – sondern weil sie ihm aufrecht entgegengetreten war und über die Linie gegangen war. Ein warmer Windstoß fuhr durch den Nebel, riss ihn für einen Atemzug auseinander – als hätte auch die Schlucht selbst genickt. Und sie gingen weiter, nicht leichter, aber weiter – mit einem Vertrauen in sich, das nicht laut war und doch alles trug. So wie wenn man mit geschlossenen Augen trotzdem die Sonne sieht.
Leseprobe als PDF herunterladen ↓
Die Originalseiten ansehen (22)